Hier stehe ich...
Eine Intervention mit 19 evangelischen Persönlichkeiten aus Vorarlberg

Einleitung

Einleitung

 
Martin Luther, Gemälde von Lucas Cranach d. Ä., 1528  1

Martin Luther, Gemälde von Lucas Cranach d. Ä., 1528  1

Hier stehen wir – 
Leitgedanken zum Jubiläumsjahr 

Im Jahr 1517 veröffentlichte der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen zum Ablasswesen der katholischen Kirche. Er kritisierte Predigt und Praxis des Ablasses, der mit Buße und Geldspenden den Sünder aus dem Fegefeuer befreien sollte. Dem entgegen stellte er die Kraft des Glaubens, der allein auf die Gnade Gottes vertraut. Luther machte die Bibel wieder zum geistlichen Mittelpunkt und Christus zur Mitte allen Lebens und Hoffens. Luther wollte wie viele andere, z.B. Philipp Melanchthon, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, die Kirche reformieren. Stattdessen wurden Luthers Thesen zum Auslöser und Symbol eines breit gefächerten Prozesses, im Laufe dessen die evangelischen Kirchen entstanden. Die Reformation ist ein Teil der Freiheitsgeschichte der Neuzeit. 
Die Reformatoren betonten die persönliche und unmittelbare Verantwortung vor Gott und die Rechtfertigung allein aus dem Glauben heraus. Diese Gedanken waren bahnbrechend, ihr Freiheitsbegriff revolutionär. Gleichwohl gingen davon aber auch unversöhnlicher Konfessionalismus, Antijudaismus, religiöser Fanatismus, Gewaltherrschaft und eine sich anbahnende Überhöhung des
Individuums aus. 

Kerngedanken der Reformation, wie die Berufung auf das persönliche Gewissen und das Priestertum aller Glaubenden und Getauften, wurden zu Quellen von Menschenrechten und Demokratie, von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Das reformatorische Erbe leistet bis heute als Freiheits- und Versöhnungskraft einen wesentlichen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Dementsprechend haben die Evangelischen Kirchen in Österreich „Freiheit und Verantwortung“ zu ihrem Leitgedanken für das Jubiläumsjahr gewählt. Mit der Konzentration auf die Mitte unseres Glaubens, Jesus Christus, der Christinnen und Christen weltweit verbindet, werden die vielen Geschwister anderer Kirchen dazu eingeladen, 500 Jahre Reformation als gemeinsames Christus-Fest zu feiern. 

Ralf Stoffers

Schlosskirche Wittenberg, 1509  2

Schlosskirche Wittenberg, 1509  2

 
Merk Sittich von Ems, 1533–1595 3

Merk Sittich von Ems, 1533–1595 3

Reformation in Vorarlberg – 
eine historische Einleitung 

Die Reformation in Vorarlberg begann in Wittenberg. Feldkirch war im 16. Jahrhundert das Zentrum des Humanismus im Land. Viele Studenten aus Vorarlberg gingen an Universitäten, in denen im neuen Geist gelehrt wurde. Über fünfzig zog es allein an die Universität nach Wittenberg. Dort kamen sie mit den Lehren Martin Luthers in Kontakt. Einige von ihnen wurden enge Wegbegleiter des Reformators. Heimkehrer und Reisende brachten reformatorische Schriften und Traktate mit. Die neue Lehre verbreitete sich im Land und bald bekannte sich ein erheblicher Teil der Bürgerschaft zur Reformation.

Wenige Jahrzehnte später begann die Regierung in Innsbruck mit Maßnahmen, die Sympathien für die Reformation zu unterdrücken. Bücher wurden verbrannt, der Besuch der katholischen Messe wurde per Geldstrafe erzwungen, die Einhaltung des Fastens wurde streng kontrolliert. Viele, die „vom lutherischen Geist befallen waren“, mussten fliehen oder wurden abgeschoben. Gegen die Anhänger Luthers und Zwinglis, die hier im Land blieben, ging man brutal vor. 

Schon nach wenigen Jahrzehnten galt die Reformation als gescheitert. Dadurch kam es zu einer beachtlichen humanistischen und intellektuellen Aushöhlung. Vereinzelt hielten sich ein paar „Kryptoprotestanten“ über die folgenden Jahrhunderte.

Als ein herausragender Exponent der Gegenreformation galt Merk Sittich (1466–1533) von Ems, der als Obrist und Landsknechtführer des schwäbischen Bundes die aufständischen Bauern mit aller Härte bekämpfte. Er schreckte nicht vor brutalen Maßnahmen gegen die Anhänger Luthers oder Zwinglis zurück. In seinen Vogteien achtete er darauf, dass zumindest formal den Erfordernissen des alten Glaubens Genüge getan wurde. Wer sich widersetzte, wurde entweder ausgewiesen, eingesperrt oder hingerichtet. Auch die Bludenzer Reformatoren Lucius Matt und Thomas Gassner wurden 1525 von Merk Sittich des Landes verwiesen.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts siedelten sich Industrielle aus der Schweiz und aus Schottland an und errichteten Textilfabriken. Sie brachten mit ihren Facharbeitern auch ihren evangelischen Glauben mit. Später kamen noch Kaufleute und Gewerbetreibende aus Süddeutschland hinzu. Auch protestantische Adelige ließen
sich in Vorarlberg nieder.

Zunächst war es ihnen untersagt, eine eigene evangelische Gemeinde zu gründen. Das änderte sich, als Kaiser Franz Joseph I. 1861 das Protestantenpatent erließ, wonach Protestanten den Katholiken rechtlich gleichgestellt wurden. In Vorarlberg versuchte zunächst das katholisch-konservative Lager die Niederlassung einer evangelischen Gemeinde mit Plakat- und Unterschriftsaktionen zu verhindern. Unterstützt durch den neuen Landtag, in dem die Liberalen die Mehrheit hielten, konnte aber noch 1861 die „Evangelische Gemeinde für Vorarlberg“ gegründet werden. Drei Jahre später wurde die „Evangelische Kirche zu Bregenz“ eingeweiht
(1861 Bregenz, 1900 Feldkirch, 1951 Dornbirn, 1977 Bludenz). 

Wolfgang Olschbaur

 

Hier stehen wir – 
evangelisch und römisch-katholisch

Neben vielen Gemeinsamkeiten, wie u.a. Bibel, Jesus, Taufe, Trinität, Glaubensbekenntnis, Liedgut, hohe Festtage wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten und ähnliche Arbeitszweige wie Caritas/Diakonie, gibt es zwischen den Konfessionen auch erkennbare Unterschiede.

Dem Papst kommt z.B. in der katholischen Kirche im Blick auf ihre Gestalt/Struktur und ihr Verständnis eine zentrale Rolle zu. Dies sieht die Evangelische Kirche anders: „mit, aber nicht unter dem Papst“ – so ließe sich die evangelische Position wohl am ehesten beschreiben. Im evangelischen Verständnis gibt es keine zentrale Lehrinstanz, sondern jede/-r ChristIn ist für sein/ihr Tun und Lassen allein dem eigenen Gewissen und Gott gegenüber verantwortlich.

In den Evangelischen Kirchen sind Männer und Frauen grundsätzlich gleichberechtigt, d.h. Frauen können auch als Pfarrerin, (Landes-) Superintendentin, Oberkirchenrätin und Bischöfin tätig sein, vorausgesetzt, sie werden in diese Funktion gewählt, aber das gilt für Männer gleichermaßen. Geistliche AmtsträgerInnen der Evangelischen Kirchen können frei entscheiden, ob sie heiraten bzw. eine Familie gründen oder lieber ehelos leben möchten. 

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Konfessionen besteht in der Zahl der Sakramente. Während es bei den Katholiken sieben Sakramente gibt, sind es in der Evangelischen Kirche zwei: Taufe und Abendmahl. Begründet wird dies mit dem Argument, dass allein diese beiden sich nach biblischer Überlieferung auf Jesus zurückführen lassen. Im Blick auf das Abendmahl/die Eucharistie gibt es noch einen besonders wichtigen Unterschied: Während in der katholischen Kirche gelehrt wird, dass durch den Priester Brot und Wein zu Leib und Blut Christi gewandelt werden, hängt es in der evangelisch-lutherischen Kirche vom einzelnen Gläubigen ab: Wenn dieser glaubt, dass er Leib und Blut Christi empfängt, dann ist dem so. Die evangelisch-reformierten ChristInnen verstehen das Abendmahl im Sinne einer Gedächtnisfeier.

Weitere Unterschiede bestehen in den Punkten Glaubensquellen (katholisch: Bibel und Überlieferung / Tradition; evangelisch: die Bibel), Heiligenverehrung (wird in der Evangelischen Kirche nicht praktiziert) und Beichte. Katholischerseits spricht der Priester nach der Beichte die Vergebung im Namen Jesu aus, während die Evangelischen davon ausgehen, dass die Schuld der Gläubigen in dem Moment vergeben ist, in dem sie vor Gott bekannt wird, da im Tod Jesu auf Golgatha alle Schuld bereits vergeben ist.

Ralf Stoffers